Nachruf
Triggerwarnung: Der Beitrag behandelt sensible Themen wie Drogensucht, Rückfälle, psychische Krisen sowie den Tod bzw. Suizid eines Nahestehenden. Beitragsbeschreibung: Ein sehr persönlicher und bewegender Nachruf auf einen Wegbegleiter, den der Autor während einer gemeinsamen Entgiftung kennengelernt hat. Der Text beleuchtet Dennis‘ Lebensweg, seinen harten Kampf gegen die Sucht, den schmerzlichen Rückfall nach langer Abstinenz und die Reflexion über eigene Schuldgefühle und Verlust. Ein ehrlicher Blick auf die Themen Freundschaft, die zerstörerische Kraft von Abhängigkeit und das Abschiednehmen.
Was bleibt
Was bleibt uns von einem Menschen nach seinem Tod? Von Dennis bleiben mir eine Traueranzeige im Internet, 5Mb archivierter Unterhaltung auf WhatsApp und einige wenige, wenn auch intensive Erinnerungen. Dies soll mein Abschied sein von einem Menschen, der viel zu früh von uns ging.
Dennis und ich kannten uns nur kurz, aber er machte großen Eindruck auf mich. Kennengelernt hatten wir uns in der Entgiftung, wo sich unsere Wege zu Beginn des Jahres 2025 kreuzten. Wer schon einmal eine stationäre Therapie erlebt hat, weiß, dass sie eine Ausnahmesituation darstellt, in der Menschen einander sehr viel schneller kennenlernen als irgendwo sonst im Leben. Dennis und ich teilten ein Zimmer, wir feierten seinen Geburtstag und wir wurden am gleichen Tag entlassen. Darüber hinaus hielten wir den Kontakt bis zu seinem Tod.
Er war ein sehr gutaussehender Mann – Sohn eines Inders und einer Deutschen – mit dunklem Teint und tiefbraunen Augen. Er hatte ein ansteckendes Lächeln und lachte gern. Was ich von ihm erfuhr, deutete daraufhin, dass er ein reiches Leben geführt haben muss. Sein Vater war ein self-made man, der in Indien einer höheren Kaste angehört hatte, hierzulande aber hart arbeiten musste, um sich als Einwanderer Erfolg und Anerkennung zu verdienen. Ich hatte den Eindruck, dass er hohe Ansprüche an seinen Sohn stellte und ihm ein gewisses Leistungsdenken vererbt hatte.
Dennis sprach von Reisen nach Indien und Urlauben in der Schweiz, von seinen Jobs und seinen Beziehungen, von Drogenexzessen und Therapien, von Nahtoterfahrungen und vom Eigenheim, das er einst besessen hatte. Nach einem abgebrochenen Ingenieursstudium (ich vermute Drogen als Grund für den Abbruch), befand er sich nun in der Endphase einer technischen Ausbildung. Dennis war intelligent und fleißig, arbeitete hart. Gleichzeitig vermutete ich eine stark selbstzerstörerische Seite in ihm. Wenn er konsumierte, dann exzessiv. Heroin und Kokain intravenös, Benzodiazepine in Mengen, als wären es Smarties. Dennis machte keine halben Sachen. Den Aufnahmetermin in der Entgiftung hätte er beinahe verpasst, weil er während der Bahnfahrt von Hamburg nach Lübeck eine komplette Packung Diazepam leerte, 36 Stunden später mitten in der Nacht in desolatem Zustand an der Tür klingelte und nur über den Umweg durch die geschlossene Psychiatrie noch seine Behandlung antreten konnte.
Unsere Begegnung
Die Entgiftung absolvierte er dann aber mustergültig. Ohne Klagen ertrug er den Entzug von Opioiden und Benzodiazepinen, nahm vorbildlich und engagiert am Therapieprogramm teil und fand sogar noch die Gelegenheit zu einer kurzen, heimlichen Affäre. Wir hatten einige gute Gespräche. Dennis erzählte mir von den Höhen und den Tiefen seines Lebens. Ein Satz sollte mir deutlich in Erinnerung bleiben. Er fühle, dass er nicht mehr unendlich viel Kraft habe, immer wieder aufzustehen, den Scherbenhaufen zusammenzufegen und sein Leben neu aufzubauen.
Nach vier Wochen trennten sich unsere Wege. Dennis kehrte zurück in seine betreute Wohngemeinschaft in Hamburg und ich begann meine dritte Langzeittherapie. Dennis hatte mehr Erfolg als ich. Acht Monate später besuchte er mich, als ich wieder einmal entgiftete. Inzwischen hatte er gut die Hälfte seiner Prüfungen in der Tasche, während ich einen neuen Plan schmiedete, nämlich den Winter mit Volontärs-Arbeit in Afrika zu verbringen. Ein Vorhaben, aus dem ich neuen Mut und Energie schöpfte.
Das Wiedersehen
Es war ein verregneter, grauer Oktobertag. Dennis sah sehr gut aus – frisch frisiert und rasiert und in einem eleganten neuen Mantel gekleidet. Er strahlte aus, dass ihm die letzten Monate gut bekommen waren. Sogar eine neue Freundin hatte er gefunden.
Wir saßen beim Bäcker, rauchten Zigaretten und tranken Kaffee. Unterhielten uns über das vergangene Jahr und entdeckten, dass wir die gleichen Suizidphantasien teilten. Darüber nachsinnend sagte Dennis Folgendes zu mir:
„Steffen, mir ist in diesem Jahr so viel Gutes passiert. Das Leben hält noch so viel mehr für Dich bereit als einen Notausstieg.“ Selbst wolle er nun seine Ausbildung abschließen und aus seinem betreuten Wohnprojekt in etwas Eigenes umziehen. Er bestärkte mich in meinen Afrikaplänen und riet mir, möglichst lange dort zu bleiben, wenn es mir guttäte. Ich brauche keine neue Therapie, meinte er, sondern einen neuen Lebenssinn, eine neue Aufgabe und Perspektive. Genau deswegen hielt er es für eine gute Idee, unter der südlichen Sonne für einen guten Zweck zu arbeiten. Auch sei nicht zu unterschätzen, dass der graue norddeutsche Winter vor der Tür stehe und ich zu Hause nichts verpassen würde.
Es war ein gutes Gespräch, das mir neuen Schwung verlieh. Außerdem war ich dankbar und bewegt, dass er sich den ganzen Nachmittag für mich freigenommen hatte. Es war das letzte Mal, dass ich Dennis sehen sollte.
Wenige Wochen später flogen mein Freund und ich nach Namibia. Ich war clean. Für den Moment hatte ich die Drogen, meine Depressionen und die Schmerzen hinter mir gelassen. Ich erlebte einige Momente der Klarheit, in denen mir bewusst wurde, was ich geschafft hatte. Da war zum Beispiel der Tag in Sossusvlei, als ich um 9 Uhr morgens auf einer riesigen Düne saß und über das endlos scheinende Sandmeer der Wüste Namib blickte. Es war vollkommen still um mich herum. Kein Laut und keine Bewegung trübten den Eindruck, außerhalb der Zeit zu stehen. Der Aufstieg war sehr beschwerlich gewesen. Ich fühlte Stolz, Dankbarkeit und eine seltene Zufriedenheit. Diesen Moment hatte ich mir verdient. Ich hatte gekämpft und – dank der Hilfe meiner Liebsten –zumindest diese Runde gewonnen.
Drei Wochen lang reisten wir durch das Land. Dann flog mein Freund nach Hause und ich begann mein Volontariat. Zuerst in einem Hostel in Windhoek, dann auf einer Farm außerhalb der Stadt. Dennis und ich blieben in Kontakt. Die Weihnachtstage kamen und gingen. Das neue Jahr begann.
Rückfall
Ende Januar schrieb Dennis mir von seinem Rückfall:
„Bin in eine WG gezogen, 2 Wochen vor den Prüfungen. War anfangs ein geiles Gefühl. Dann hab ich auch schon wieder, zwar knapp nach einem Jahr, aber trotzdem paar Tage 🤯🫠🚯😞🤪
Letzte Prüfung ist in 10 Tagen, aber das schwerste hab ich geschafft“
Er schrieb, wie schwer es ihm fiel, den Rückfall zu stoppen. Ich sprach ihm Mut zu. Wollte ihm die Scham und Selbstvorwürfe ersparen, von denen ich annahm, dass sie ihn plagten. Wenige Stunden später bat er mich um einen riesigen Gefallen. Ob ich ihm 50,- € per Sofortüberweisung schicken könnte, die er mir wenige Tage später zurückzahlen wolle. Ich brauchte fast einen Tag für meine freundliche Absage. Ich helfe gern, wo ich kann, aber diese plötzliche Bitte und ihre Dringlichkeit hinterließen bei mir keinen Zweifel, wofür das Geld gebraucht werden würde. Ich schrieb:
„Hallo Dennis, das möchte ich nicht. Einerseits, weil ich selbst gerade keinen Job und wenig Geld habe. Hauptsächlich aber, weil mir mein Gefühl gerade Nein sagt. Sorry. Unter anderen Umständen wäre es was anderes.“
„Verstehe“, entgegnete er mir und die Sache war erledigt. Wenige Tage später kehrte ich aus Namibia in den norddeutschen Winter zurück. Ein neuer Job erwartete mich. Dennis Geburtstag stand an. Ein Jahr zuvor hatten wir ihn in der Entgiftung gefeiert – in kameradschaftlicher Stimmung und der Hoffnung, dass jetzt alles anders werden sollte. Ich gratulierte ihm schriftlich.
„Hey Steffen, Herzlichen Dank.“ Schrieb er zurück, “Ja cool, dass du daran gedacht hast […]
Hab die Handbremse vor 5 Wochen gezogen, in ne Entgiftung und seit Donnerstag letzter Woche wieder in die Einrichtung, in der ich davor war. Habs in der WG leider nur 7 Wochen abstinent durchgehalten“
Damit endet unsere Konversation. Ich weiß nicht, warum unser Gesprächsfaden gerade an dieser Stelle abriss und bereue, ihm nicht mehr geantwortet zu haben. Tatsache ist, dass ich nach meiner Rückkehr mit meinem neuen Job und meinem eigenen Rückfall haderte. Drogen nehmen so viel Raum ein. Wir haben weniger Zeit, Energie und Empathie für unsere Nächsten übrig. Manche von ihnen verschwinden fast unbemerkt aus unserem Leben. Manchmal für immer.
Vor Kurzem fragte mich ein gemeinsamer Bekannter, ob ich Dennis‘ neue Nummer hätte, da er offenbar schon seit April nicht mehr online gewesen wäre. In diesem Moment war ich gerade in Eile, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Ich riet meinem Bekannten, im Internet nach Dennis zu suchen. Damit hatte ich gemeint, dass er wahrscheinlich ein Konto fände, auf dem er noch aktiv wäre. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Traueranzeige, die mir unser Bekannter kurz darauf schickte.
„Scheiße“ war alles, was er dazu bemerkte.
„Scheiße“, hatte über ein Jahr zuvor ein anderer gemeinsamer Bekannter leise zu sich selbst gesagt, als Dennis uns gestanden hatte, dass er vermutlich nicht mehr unendlich viel Kraft habe, immer wieder aufzustehen und sein Leben neu aufzubauen.
Abschied
Ich weiß nicht, wie oder woran Dennis aus dem Leben schied. Aber ich glaube nicht an einen Zufall. Ich kenne die Suizidphantasien, mit denen sich Dennis in dunkleren Stunden herumtrug. Es ist für mich gut nachvollziehbar, wie Dennis Lebensweg in seinem letzten Jahr verlaufen sein muss. Als wir uns kennenlernten, hatte er wieder einmal viel Kraft mobilisiert, um sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, in dem er zu versinken drohte. Mit dem ihm üblichen hohen Selbstanspruch und Fleiß hatte er sich neu aufgebaut. Nach einem vermutlich quälenden Entzug hatte Dennis seine Ausbildung zu Ende geführt, eine neue Wohnung und eine neue Freundin gefunden.
Vielleicht wurde der Druck zu groß. Vielleicht wollte er sich „nur einmal“ belohnen für seine Errungenschaften. Vielleicht suchte er „nur einmal“ Ruhe – eine Pausentaste für sein Leben. Es blieb nicht bei einem Mal. Dennis machte keine halben Sachen. Mit der für ihn – uns - typischen Maßlosigkeit muss sein Rückfall drastisch gewesen sein. Vielleicht verlor er dabei etwas, das ihm wichtig war. Seine frische Beziehung. Rückhalt in seiner Familie. Seinen Mut.
Dennis ist nicht mehr. Neben 5Mb WhatsApp-Unterhaltung und zwei Fotos fand ich noch eine Audiodatei, in der Dannnys Stimme erklingt und er mir für eine Rückmeldung dankt. Wir mögen uns nur 15 Monate lang gekannt haben, aber wir lernten uns unter extremen Umständen kennen und er hatte großen Eindruck auf mich gemacht. Deswegen schreibe ich ihm diesen Text. Weil es das Mindeste ist, was ich noch für ihn tun kann.
Warum berührte gerade Dennis Schicksal mich so stark? Letztendlich kannten wir nicht sehr lange. Noch ist er der Einzige, von dem ich mich bisher verabschieden musste. Darunter auch Menschen, die mir näher gestanden hatten.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in Teilen seiner Geschichte selbst wiederzuerkennen glaube. Vielleicht hinterfrage ich meine eigene Rolle in dieser Geschichte. Dennis‘ Tod hatte mich getroffen, aber nicht überrascht. Und trotzdem erfuhr ich eher beiläufig zwei Monate später davon. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich mich so stark von Drogen vereinnahmen lasse und dann so wenig für die mir Nahestehenden da bin. Hätte ich etwas für Dennis tun können? Hätte es etwas geändert, wenn ich für ihn da gewesen wäre?
Sein Tod trifft mich auch, weil er alles davor so vergebens erscheinen lässt. Dennis hatte seit Langem gegen seine Sucht gekämpft. Er fiel so oft, stand aber jedes Mal wieder auf. All seine Kämpfe, alle Siege, alle Errungenschaften erscheinen mir im Rückblick so vergebens angesichts dieser letzten finalen Niederlage.
Wenn da nicht die Hinterbliebenen wären. „Von Beileidsbezeigungen bitten wir Abstand zu nehmen“, heißt es in der Traueranzeige. Ich kann mir nur ausmalen, wie es Dennis‘ Angehörigen gehen muss. Wie es meinen Angehörigen gehen mag. Wie es sich anfühlen mag, einem Süchtigen nahe zu stehen und dem langsamen Abstieg zuschauen zu müssen. Es beschämt mich. Daran möchte ich denken, wenn ich das nächste Mal das Bedürfnis verspüre und glaube, es wäre eine gute Idee, nur einmal noch zu konsumieren.
Adressen / Hilfe
„Sucht ist eine progressiv verlaufende, psychische Krankheit, die ohne professionelle Hilfe letztendlich tödlich endet“ so heißt es in der Fachliteratur. * Häufig geht sie mit anderen Störungen Hand in Hand, wie zum Beispiel mit Depressionen. Kennst Du jemanden, der davon betroffen ist? Geht es Dir genauso? Weiterführende Hilfsangebote findest du hier.
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