Mein Weg in die Substitution
Jahrelang war der Kampf gegen die Sucht ein kräftezehrendes Doppelleben zwischen unzähligen Entzugsversuchen, Schwarzmarkt und dem schwindenden Lebenswillen. In diesem zutiefst persönlichen und ehrlichen Beitrag nimmt uns der Autor mit an seinen Wendepunkt: Die Entscheidung, den ständigen Überlebenskampf aufzugeben und eine Substitutionsbehandlung in Lübeck zu beginnen.
Die Vorgeschichte
Nach langem Ringen mit mir selbst begann ich gestern eine Substitution und fühle große Erleichterung darüber. Bisher hatte ich mich immer gegen diesen Schritt gesträubt. Resignation, dachte ich. Eine stille Akzeptanz des Status Quo. Die Aufgabe des Kampfes gegen die Sucht, wobei die Rolle des Dealers nun durch Pharmaindustrie und Ärzte eingenommen würden. Ich will nicht leugnen, dass die Substitutionsbehandlung mit einem Ersatzopioid schon immer einen gewissen Reiz auf mich ausgeübt hatte und dieser Verlockung hatte ich nicht über den Weg getraut. Unbestrittene Tatsache ist vermutlich, dass die Einführung der Substitutionsbehandlung vor gar nicht so langer Zeit tausenden von Junkies das Leben gerettet und ihnen die Aussicht auf ein menschenwürdiges Dasein verschafft hatte. Meine persönlichen Eindrücke mögen verfälscht gewesen sein durch Junkies mit multipler Substanzabhängigkeit (z.B. Crack zusätzlich zum Substitut); durch Substituierte, die ihre Medikamente auf dem Schwarzmarkt verkaufen, durch unübersehbare und florierende Drogenszenen direkt vor den Praxen. Wer Lübeck kennt, denkt vermutlich an einen gewissen Park in Bahnhofsnähe. Viele Jahre lang habe ich mich gewissermaßen privat substituiert – mit Subutex (Buprenorphin), Methaddict (Methadon) und Substitol (Morphin). Ich hielt dies für einen einigermaßen ökonomischen Pegelkonsum, einen Kompromiss, der gerade noch mit meinem Arbeitsleben vereinbar war. Ich wollte neben der Droge nicht noch zusätzlich von einem Arzt abhängig sein. Stattdessen machte ich mich von den Schwankungen des Schwarzmarkts und den Launen und Missgeschicken anderer Substituierter abhängig.
Meine Entscheidung
Warum also mein plötzlicher Sinneswandel? Ehrlich gesagt sind mir nach und nach die Optionen ausgegangen. Seit vielen Jahren hadere ich mit meiner Sucht. Sie verfolgte mich rund um den Globus. Ich habe mehrere stationäre Entzüge hinter mir und drei Langzeittherapien. Wie oft ich zu Hause entzogen habe, kann ich kaum noch zählen. Ich habe längere Clean-Phasen geschafft, aber sie werden kürzer und seltener. In letzter Zeit erlebte ich Kontrollverluste, die mich erschrecken und mir Angst einjagen. Beziehungen sind kaputt gegangen oder erlitten Schäden. Dennoch gibt es einige wenige Menschen, die bisher zu mir halten und die zu verlieren ich nicht verkraften würde. Gleichzeitig habe ich keine Kraft mehr für dieses Doppelleben und sowohl Dr. Jeckyll als auch Mr Hyde in mir zu vereinen. Die Szene ekelt mich an und mein von Substanzen aufgeblasenes Ego tut es auch. Mein jüngster Entzugsversuch zeigte mir wieder einmal, dass mir ohne Opioide nicht nur Kraft und Motivation fehlen, sondern sogar mein Lebenswille. In detaillierten Bildern male ich mir mein Ende aus, sehne mich nach der Überdosis. Vor kurzem erfuhr ich vom Tod eines Bekannten, dem es genauso gegangen sein muss. Ich schäme mich für meinen Abstieg. Ich schäme mich vor allen, die ihn mit ansehen müssen. Will in keine Klinik mehr, will kein Patient sein, sondern leben, arbeiten, sparen, reisen, meinen Hobbies nachgehen und für meine Liebsten da sein. Ich will wieder auf mich selbst stolz sein können. Die Abstinenz ist nicht mehr mein wichtigstes Ziel. In erster Linie möchte ich wieder ein einigermaßen normales Leben führen. Und so folgte ich dieses Mal der Empfehlung meiner Hausärztin und bewarb mich für die Substitutionsbehandlung der AMEOS-Klinik. Zu meiner großen Erleichterung wurde ich tatsächlich schnell und unproblematisch aufgenommen.
Einstieg in die Substitution
Vorgestern sprach ich beim Chefarzt vor, wurde durchgetestet, unterschrieb Verträge. Gestern Morgen um 8:30 Uhr erhielt ich meine erste Dosis Polamidon. Hielt auf dem Weg nach Hause beim Bäcker und kaufte Brötchen für meinen Freund und mich (er arbeitete an diesem Tag im Home Office). Am selben Tag ging ich wieder zur Arbeit. Erlebte verwundert, dass meine Kollegen froh darüber waren, mich wieder zu sehen. Erlebte verwundert, dass es mir genauso ging. Ich fühle mich so erleichtert, keine Angst mehr haben zu müssen vor all dem, was die Sucht mit sich bringt. Ohne Kriminalität, der nervenaufreibenden Beschaffung und dem Versteckspielen kann ich meine Energie in meine Beziehung, meine Arbeit, meine Hobbies investieren.
Meine Behandlungsziele
Mein Ziel? Folgendermaßen habe ich dem Chefarzt meine Pläne, bzw. Hoffnungen erklärt: ich möchte für den Rest des Jahres substituiert werden und mich stabilisieren. Ich möchte Schulden abbezahlen und Geld zurücklegen. Mein Freund und ich möchten zusammen wieder Sport treiben und in den Urlaub fahren. Im Herbst möchte ich abhängig von meinem Befinden mit der Reduzierung meiner Tagesdosis beginnen, irgendwann von Polamidon auf Subutex umsteigen und das Jahr in der Entgiftung beschließen. Das Weihnachtsfest möchte ich mit meinem Freund und meiner Familie clean erleben. Kurz danach wollen wir für drei Monate in den Süden Afrikas fliegen und dort, wie schon im letzten Winter, als Volontäre arbeiten. Es wird nicht einfach werden. Das ist mir klar. Aber es ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Und ich habe Hilfe. Die Substitution kann ein Weg sein heraus aus der fatalen Abwärtsspirale der Sucht. Ein Schritt zurück in ein normales Leben. Ich bin froh, dass es sie gibt.
Jeder Weg aus der Sucht ist individuell.
Das Wichtigste ist, einen Weg zu finden, der Betroffenen hilft, das eigene Leben zurückzugewinnen. Wer über eine Substitutionsbehandlung nachdenkt, kann sich gerne an CliC wenden oder fachliche Hilfe bei einer der Lübecker Suchtberatungsstellen (Diakonie Nord Nord Ost, AWO, Ameos Klinikum Lübeck) in Anspruch nehmen. Niemand muss diesen Weg allein gehen.
Substitution in Lübeck
Der erste Schritt in die Substitution sollte über den Hausarzt und/oder eine Suchtberatung erfolgen.
Erste Anlaufstellen zur Suchtberatung
CliC Deutschland Landesverband NORDOST e.V.
Beckergrube 13-17, 23552 Lübeck
www.clic-deutschland.de
Telefon: 0451 9695159
E-Mail: buero-hl@clic-deutschland.de
AWO Fachzentrum für Suchtfragen Lübeck
Wakenitzmauer 176, 23552 Lübeck-Lübecker Altstadt
www.awo-sh.de/fachzentrum-fuer-suchtfragen-luebeck
Telefon: 0451 799880
E-Mail: info@awo-sh.de
Diakonie Nord Nord Ost gGmbH
Braunstraße 5, 23552 Lübeck
https://www.diakonie-nordnordost.de/angebote/notsituationen-und-sucht/suchthilfe/suchthilfe-in-luebeck
Telefon: 0451 4002 58120
E-Mail: suchtberatung.luebeck@diakonie-nordnordost.de
Substitutionsstellen in Lübeck
AMEOS Reha Klinikum Lübeck, Psychiatrische Institutsambulanz
www.ameos.de/reha-klinikum-luebeck/
Weidenweg 9-15, 23562 Lübeck
Telefon: 0451 5894-249
FA Marc Birnbaum, Dr. B. Wegner
Oberbüssauerweg 6, 23560 Lübeck
www.pgz-hausaerzte.de/
Telefon: 0451 290 55 90
E-Mail: hausaerzte@pgz-hl.de
Arztpraxis Franz
Birgit Franz
Kurgartenstr. 135 a, 23570 Lübeck-Travemünde
www.arztpraxis-franz.com
Telefon: 04502 2888
E-Mail: kontakt@arztpraxis-franz.com
Dr. Matthias Entelmann, Dr. Frauke Entelmann
Lindenplatz 6, 23554 Lübeck
Telefon: 0451 76 19 0
Dr. Frank Meisel
Korvettenstr. 77, 23558 Lübeck
www.praxisfmeisel.de
Telefon: 0451 89 14 44
E-Mail: vfmeisel@hotmail.de; fmeisel@t-online.de
CliC Deutschland Landesverband NORDOST e.V.
Beckergrube 13-17, 23552 Lübeck
buero-hl@clic-deutschland.de
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